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Verlust von Umwelt- und Klimadaten: Warum der Kampf gegen Datenerosion diplomatisches Gewicht braucht

  • dianak18
  • 23. Dez. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

In den vergangenen Jahren hat sich ein beunruhigender Trend verfestigt: Klima- und Umweltdaten werden weltweit zunehmend systematisch zurückgehalten, diskreditiert oder dem öffentlichen Zugriff entzogen. Was als punktuelle Informationslücke begann, entwickelt sich zu einer strukturellen Bedrohung für unsere gemeinsame Wissensbasis. Neuestes Opfer in der Klimaforschung ist das National Center for Atmospheric Research (NCAR). Die Trump-Regierung hat vorgeschlagen, diese wichtige Einrichtung, die Wettervorhersagen, Klimamodellierung und Atmosphärenforschung landesweit ermöglicht, aufzulösen. Präsident Trump zufolge ist die Auflösung des im Jahr 1960 gegründeten Klimaforschungsinstituts notwendig, da es zu „woke“ sei und „alarmistischen Unsinn“ betreibe. Aufrechterhalten werden sollten lediglich unverzichtbare Dienste, wie beispielsweise die Wetterforschung. Ach so. Damit reiht sich das NCAR in eine Reihe von Instituten ein, die Klimaforschung betreiben und dafür aus den eigenen Reihen unter Beschuss geraten.  Die Folgen sind verheerend, denn unter anderem verschwinden die Daten, die u.a. für die Bevölkerung, für die Wissenschaftscommunity und die Forschung zugänglich gemacht werden. Nicht nur in den USA.

In einem Artikel der Financial Times vom Oktober 2024 äußerte sich ein hochrangiger NATO-Beamter besorgt über die Tatsache, dass Russland entscheidende Daten zurückhält, die für Wissenschaftler von entscheidender Bedeutung sind, um das Ausmaß und die Auswirkungen des Klimawandels in der Arktis zu modellieren. Diese Region, die sich am schnellsten erwärmt, ist von strategischer Bedeutung.Ein Netzwerk von 95 Feldstationen sammelt Statistiken über die Arktis, aber 21 dieser Stationen sind laut dem Internationalen Netzwerk für terrestrische Forschung und Überwachung in der Arktis „auf Pause“. Russland stellte die Weitergabe von Daten erstmals ein, als das Land die Ukraine im Februar 2022 überfällt. Klimadaten sind entscheidend für präzise Modellierungen, die wiederum politische Entscheidungen über Emissionsreduktionen informieren. Es wird vermutet, dass Russland durch den weltweiten Umstieg auf erneuerbare Energien wirtschaftlich unter Druck geraten könnte und gleichzeitig eine Desinformationskampagne gegen die Dekarbonisierung betreibt. Zugleich könnten das Abschmelzen des arktischen Meereises und Investitionen Russlands in Eisbrecher und militärische Infrastruktur neue strategische Vorteile für Moskau bringen. Und Russland und die USA sind natürlich nicht die einzigen, die so vorgehen. - Kurz vor der Veröffentlichung des WHO-Berichts am 4. April 2022 verschwanden brisante Daten zur indischen Luftqualität (2010–2019) aus der offiziellen Datenbank – ein Vorgang, den Health Policy Watch öffentlich machte. - In Brasilien wurden unter Präsident Bolsonaro Satellitendaten als fälschlich abgetan, die die massiv angestiegene Abholzung im Amazonas belegten. Die Daten des National Institute for Space Research (INPE) wiesen auf einen Anstieg der im Juni 2019 festgestellten Entwaldung um 88 % im Vergleich zum gleichen Monat im Jahr 2018 hin. Das INPE stellt seit 1988 öffentlich zugängliche Daten über Entwaldung und Waldbrände im brasilianischen Amazonasgebiet zur Verfügung. Es nutzt dafür Satellitensysteme, die eine Genauigkeit von 95% liefern. Eng verknüpft mit dem Verschwindenlassen von Daten oder deren offiziellen Anfechtung und den daraus gewonnen Erkenntnissen, sind häufig Mittelkürzungen oder gar Schließungen von Instituten, die Klima- und Umweltdaten erheben. Auch das Besetzen von wichtigen Führungspositionen in diesen Schlüsselinstitutionen mit fachfremden Personen sowie die Diffamierung von Forscher*innen und der Vorwurf, Alarmismus zu betreiben, ist Teil eines Playbooks der systematischen Schwächungen von Instituten an vorderster Front im Bereich Klima- und Umweltdaten. - In Argentinien hat die Regierung unter Javier Milei einen beispiellosen Kahlschlag in der Wissenschaftslandschaft unternommen. Unter anderem wurde das Umweltministerium komplett aufgelöst und zu einem Unterstaatssekretariat herabgestuft. Das nationale Institut für Wissenschaft und Technik (CONICET) – das Rückgrat der argentinischen Forschung, auch zum Klimawandel – erlitt drastische Budgetkürzungen. Seit Milei im Dezember 2023 sein Amt antrat, haben die Gehälter des Conicet laut einem Bericht des Iberoamerikanischen Zentrums für Forschung in Wissenschaft, Technologie und Innovation (CIICTI) fast 35 % ihrer Kaufkraft verloren. Unterdessen hat die Regierung die Einstellung von 850 Forschern, die bereits unter der vorherigen Regierung genehmigt worden waren, ausgesetzt. - Auch während der ersten Trump-Administration wurden hunderte Wissenschaftler der Umweltschutzbehörde EPA und der Ozeanbehörde NOAA durch Entlassungen oder Versetzungen in fachfremde Abteilungen zum Gehen bewegt. Unabhängige wissenschaftliche Beratergremien wurden aufgelöst und mit Lobbyisten aus der Öl- und Kohleindustrie besetzt. Das systematische Verschwindenlassen oder Diskreditieren von Informationen, der Entzug von Ressourcen für Dateninitiativen bis hin zur Beschneidung der Kernaufgaben von Forschungsinstituten: All dies ist Teil eines strategischen Vorgehens, um die Wissenschaft zum Schweigen zu bringen und die Basis für Klima-, Umwelt- und Atmosphärendaten zu erodieren.


Klimakrise ist Informationskrise ist Datenkrise 

Kein Wunder, hat sich eine Gegenbewegung in Form von Guerilla Archiving entwickelt. Das sind Organisationen oder Initiativen, die eine dezentrale, oft informelle Sicherung von Regierungsdaten durch Wissenschaftler, Bibliothekare, Citizen Scientists und IT-Experten zum Ziel haben, wenn befürchtet wird, dass eine neue Regierung diese Daten aus politischen Gründen löschen, manipulieren oder den Zugang sperren könnte. Organisationen wie die Environmental Data & Governance Initiative (EDGI), Open Environmental Data Project (OEDP) oder das Data Rescue Portal des Erdbeobachtungsprogramm Copernicus der Europäischen Union sind solche Initiativen, die sich um die Rettung von Umwelt- und Klimadaten kümmern. Die Klimakrise ist somit auch zu einer Informationskrise geworden. Ohne eine gemeinsame Wissensbasis fehlt die Grundlage für gesellschaftliches Handeln. Wenn Regierungen Klima- und Umweltdaten gezielt zurückhalten, wirkt sich das besonders gravierend auf den Klimaschutz aus: Es fehlt die Grundlage, um Emissionen zu belegen, Risiken zu bewerten, Anpassungsmaßnahmen zu planen oder Verantwortung fair zu verteilen. Der Datenwinter als möglicher Brandbeschleuniger Stefaan Verhulst, derzeit einer der spannendsten Wissenschaftler zu Open Data and AI for the public good, warnte kürzlich in einem Bericht  vor einem sogenannten „Datenwinter“. Damit beschreibt er eine Entwicklung, die sich bereits an vielen Orten und erkennen lässt abzeichnet: Immer weniger hochwertige und verlässliche Daten stehen zur Verfügung – und das ausgerechnet in einer Zeit, in der sie dringend gebraucht werden, um zum Beispiel die Folgen des Klimawandels besser zu verstehen und wirksame Anpassungsstrategien zu entwickeln. Und was dieser für die Entwicklung von KI bedeutet. Laut Verhulst tragen mehrere eng miteinander verknüpfte Faktoren zu diesem Datenwinter bei. Unter anderen sich verändernde Prioritäten bezüglich Datenveröffentlichungen in Verwaltungen und Behörden, während das politische Commitment für Open Data spürbar nachlässt. Hinzu kommen geopolitische Verschiebungen: Der legitime Wunsch nach digitaler Souveränität führt mancherorts dazu, dass lokale Daten abgeschottet werden, was die wichtige grenzübergreifende Zusammenarbeit erschwert. Aber auch die Sorge vor generativer KI führt zu einer neuen Welle der Restriktion, bei der das Blockieren von Crawlern den Zugang zu Informationen massiv einschränkt.

Data Stewards als Teil eines resilientes Datenökosystems

Vor diesem Hintergrund stellt sich eine zentrale Frage: Wie kann angesichts einer zunehmenden wissenschafts- und evidenzfeindlichen Tendenz – auch in einigen der reichsten Staaten der Welt – ein Datenökosystem geschaffen werden, das robust bleibt und nicht zum Spielball politischer Interessen wird? Das Guerilla Archiving, was auch stark auf die Ressourcen von Citizen Science zurückgreift, wurde weiter oben bereits angesprochen. Verhulst bringt darüber hinaus die Rolle des Data Stewards ins Spiel. Er definiert den Data Steward nicht als rein technische Rolle, sondern als eine Art „Daten-Diplomaten“, der/die als menschliche Infrastruktur den verantwortungsvollen Austausch und die Wiederverwendung von Daten für das Gemeinwohl ermöglicht. In diesem Modell fungieren Stewards als Brückenbauer, die aktiv Fragen identifizieren, Partnerschaften koordinieren und sicherstellen, dass Datenbestände systematisch und nachhaltig genutzt werden, um gesellschaftliche Herausforderungen zu lösen.

Ich verstehe die Rolle auch ausgestattet mit einer großen Portion Aktivismus, was vielleicht der größte Unterschied zu einem Chief Data Officer ist. Zumal dieser Funktion wirklich eine diplomatische Rolle zukommen sollte. Ähnlich der Beobachter*innen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSCE) oder der Internationalen Atombehörde (IAEO). Environmental Data Stewards mit großem D 

Gehen wir mal davon aus, dass sich Data Stewards mit einem Fokus auf Klima- und Umweltdaten in diesen Zeiten als sehr wirksam erweisen können. Dass Carbon Majors wichtige Informationen zurückhalten, um ganz offensichtlich den Ausbau fossiler Energieträger weiter auszubauen, kann als Code Red für diesen Planeten eingestuft werden. Es ist eine ganz klare Ansage dafür, dass die Zerstörung des Planeten und die Lebensgrundlage von Mensch, Tier und Natur ein kleiner Preis ist, den ein paar überpriviligierte Menschen bereit sind zu zahlen. Daher ist es angesichts des drohenden „Data Winter“ wichtig, dass der Data Steward ein Upgrade erhält, und zwar hin zum Diplomatic Environmental Data Steward (D-EDS). Dieses Upgrade ist eine Antwort auf den Sense of Urgency, der die überall stattfindende Datenerosion mit sich bringt. Denn Datenresilienz ist in autoritären oder instabilen Kontexten kein Management-Problem mehr ist, sondern eine diplomatische Notwendigkeit. Doch die D-EDS sind keine Diplomaten, wie man sie üblicherweise in ihren weißen SUVs durch den Globalen Süden rauschen sieht. Sie sind vielmehr ein „Barfuß-Daten-Steward“ oder Citizen Scientist, die mit diplomatischen Rechten ausgestattet sind. Eine Person, die tief in der lokalen Community verwurzelt ist, bestens vernetzt ist, die Verhältnisse vor Ort kennt und das Capacity Building dort steuert, wo Wissen entsteht – am Brunnen, auf dem Acker, im Stadtteilzentrum. Der diplomatische Status ist dabei kein elitäres Privileg, sondern eine funktionale Notwendigkeit. Er dient als rechtlicher Schutzschild für die Wahrheit vor Ort. Denn wenn wir über das „Menschenrecht auf eine gesunde Umwelt“ sprechen (was die UN-Generalversammlung 2022 anerkannt hat), dann ist die Evidenz (die Daten), die dieses Recht beweist, zwangsläufig ein völkerrechtlich relevantes Gut. D-EDS als Teil einer Governance der Fürsorge Gleichzeitig erfüllt diese Rolle auch im Kern eine antizipatorische Governance der Fürsorge. Daten werden nicht als bloße Rohstoffe verwaltet, sondern als Infrastruktur der Weitsicht begriffen. Diese Fürsorge manifestiert sich in einer dreifachen Resilienz: 

  1. Defensiv organisiert die Person bedrohte Daten in Datenbotschaften, bevor sie politischer Zensur zum Opfer fallen;

  2. Offensiv bekämpft sie Informationsarmut im Globalen Süden, indem lokale Gemeinschaften befähigt werden, ihre eigenen ökologischen Realitäten resilient und fälschungssicher zu dokumentieren;

  3. Mediatorisch bewahren D-EDS die Faktenbasis als präventive Friedensinfrastruktur für künftige Ressourcen- und Energiekonflikte

Verortet und finanziert werden könnten diese D-EDS in einer Klima-Daten-Allianz aus Ländern aus dem Globalen Norden sowie Schwellenländern aus dem Globalen Süden sein, sowie Stiftungen. Diese speisen einen Treuhandfond, der so konstruiert ist, dass kein Einzelstaat den Geldhahn zudrehen kann.


D-EDS als notwendige Utopie


Vielleicht ist der Diplomatic Environmental Data Steward heute noch eine schöne Utopie. Doch in einer Zeit, in der das Fundament unserer gemeinsamen Realität durch gezielte Desinformation und Daten-Erosion brüchig wird, ist diese Utopie möglicherweise eine Notwendigkeit. Indem wir Klima- und Umweltdaten als Infrastruktur der Fürsorge begreifen und ihren Hüterinnen und Enablerinnen einen besonderen Schutz unterstellen – und diesen auch weltweit einfordern –, schlagen wir möglicherweise wirksame Breschen in den Datenwinter und die Informationskrise. 


 
 
 

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